Ach Bernd...
Während ich hier sitze und diese Zeilen schreibe, ist es für mich noch immer nicht real, dass Bernd Strauß verstorben ist.
Erst vor ein paar Wochen hat er mich angerufen. Und da ich Mama bin, war ich ab 16 Uhr – wie so oft – etwas kurz angebunden. Das macht mich rückblickend traurig. Bernd hat mir erneut von seinem „Seniorenwerk“ berichtet – so nannte er es. Ein Buch, das er gemeinsam mit zwei Kollegen schrieb und in dem es im weitesten Sinne um einen Blick auf die Sportwissenschaft gehen soll. Voller Stolz erzählte er mir, dass er den gesamten Podcast, den wir anlässlich seines 66. Geburtstags im vergangenen Jahr zusammen gemacht hatten, in eine KI eingespeist hatte. Auf diese Weise hatte er seine Person einmal anders beschreiben lassen – für das Vorwort des Buches. „Nicht so wie meine Kollegen“, sagte er, und ich konnte das kleine, stolze Lächeln dabei sogar durchs Telefon hören. Er wollte noch einmal wissen, ob das für mich in Ordnung sei – schließlich sei der Podcast ja auch mein geistiges Eigentum. „Klar, Bernd, ich freue mich, wenn du das für etwas nutzen kannst.“
Ich schreibe das hier nicht nur, weil es eine persönliche Erinnerung an eines unserer letzten Gespräche ist. Ich schreibe es auch, weil ich inständig hoffe, dass dieses Buch erscheint. Denn die Sicht von Bernd Strauß auf die Dinge – und damit meine ich Wissenschaft, Sportwissenschaft, Universitäts- und Wissenschaftspolitik – war für mich oft neu, immer bereichernd und, auch wenn ich nicht immer seiner Meinung war, vor allem eines: standfest.
Als ich Bernd kennenlernte, hatte ich wirklich Respekt vor ihm – phasenweise muss man ehrlicherweise vielleicht sogar von Angst sprechen. Es war schließlich der Prof. Dr. Bernd Strauß. Der Prof. Dr. Bernd Strauß mit dem riesigen und erfolgreichen Lehrstuhl in Münster; der Prof. Dr. Bernd Strauß mit den vielen Publikationen und Büchern; der Prof. Dr. Bernd Strauß mit der Macht, bei PSE als Editor etwas abzulehnen; der Prof. Dr. Bernd Strauß, dessen Stimme Gewicht hatte. Umso dankbarer bin ich, dass ich ihn über die Jahre näher und vor allem anders kennenlernen durfte.
Bernd Strauß war es auch, der mich damals fragte, ob ich Lust auf Präsidiumsarbeit in der asp hätte. Gut, auch weil Dennis Dreiskämper zu nah an Münster war und das politisch nicht ganz unproblematisch gewesen wäre :-) – aber trotzdem war ich dankbar, vielleicht sogar ein bisschen erschrocken über diese Frage. Bernd Strauß hatte mir das zugetraut. Und das bedeutete mir etwas.
In unserer gemeinsamen Zeit habe ich dann eine Seite von Bernd kennengelernt, die mir bis heute besonders in Erinnerung geblieben ist. Ich glaube, Bernd hat sich durchaus gern in der Rolle gesehen, Dinge zu erklären, einzuordnen und weiterzugeben. Darüber kann man denken, was man will – aber er hat diese Rolle gut ausgefüllt. Und ich habe dadurch viel gelernt. Vor allem habe ich verstanden, was Bernd – neben „Justiziabilität“ und sich selbst, und das muss man sagen dürfen – wichtig war: ein Verständnis für Geschichte. Und zwar insbesondere für die Geschichte der Sportpsychologie und der Sportwissenschaft.
Bernd hat mir und auch anderen neuen Präsidiumsmitgliedern immer wieder erklärt, welche Historie hinter Entscheidungen stand. Warum Dinge so waren, wie sie waren. Wie sie entstanden waren. Und obwohl ich durchaus bemerkt habe, dass einige davon manchmal genervt waren, hat Bernd das nicht gestört. Ihm war es wichtig, Dinge historisch einzuordnen. Das ist etwas, was ich für mich mitnehme. Denn ein Verständnis für die Geschichte des eigenen Faches bedeutet eben auch ein Verständnis für die jeweilige Zeit und ihre Denkkultur. Es hilft zu verstehen, warum Strukturen und Entscheidungen so geworden sind, wie sie heute sind. Und vielleicht versteht man dadurch auch besser, was man in Zukunft verändern möchte – und was es wert ist, bewahrt zu werden. Und genau das war es, was Bernd an seinem Job so viel Freude gemacht hat: dass er etwas gestalten konnte. Und ich glaube, es beschreibt ihn ziemlich gut: Bernd war ein Gestalter.
Und zum Gestalten gehörte für ihn etwas, von dem ich schnell gelernt habe, dass er es hatte: eine große Klarheit. Diese Klarheit konnte Dinge manchmal auch kompliziert machen – vielleicht, weil Kompromissbereitschaft nicht immer Bernds größte Stärke war. Aber genau das hat mich beeindruckt. Er hatte eine Position. Er wusste, warum er sie hatte. Und er hat sie vertreten. Auch davon möchte ich etwas für mich mitnehmen.
Und deshalb möchte ich dir, Bernd, noch etwas sagen: Sei dir sicher, dass du Teile des wissenschaftlichen Nachwuchses nachhaltig geprägt hast. Und sei nicht traurig, sollten sich irgendwann die Namen der Preise und Nadeln ändern. Die asp wird sie sicher weiter vergeben. Und damit wird Geschichte auf die eine oder andere Art am Leben gehalten. Und ich bin von Herzen froh, dass du selbst noch eine Ehrennadel erhalten hast. Denn wir wissen, wie viel sie dir bedeutet hat.
Neben all diesen großen Dingen sind es aber wahrscheinlich die kleinen Bilder, die bleiben. Zum Beispiel dieses lustige Gesicht, das du immer gemacht hast, wenn du etwas komisch fandest. Das wird mir fehlen. Wenn man nicht Büro an Büro sitzt und sich nicht jeden Tag sieht, ist der Einschnitt, den man durch einen solchen Verlust erlebt, wahrscheinlich ein anderer. Vielleicht ist das auch der Grund, warum es sich für mich noch immer nicht ganz real anfühlt. Ich glaube, ich werde es erst wirklich begreifen, wenn Bernd auf der nächsten asp-Tagung nicht da sein wird. Wenn er nicht irgendwo mit seiner Cola Zero in der einen Hand steht – und gern auch noch mit dem Handy in der anderen. Und wahrscheinlich werde ich dann auch zum ersten Mal wirklich anders berührt sein, wenn der Verstorbenen gedacht wird. Denn auch das habe ich durch Bernd verstanden: Solange Geschichte nur aus Namen besteht, bleibt sie abstrakt. Wenn man aber die Menschen hinter diesen Namen kennt, ihre Geschichten, ihre Eigenheiten und das, was sie geprägt haben, dann bedeutet ihr Fehlen plötzlich etwas ganz anderes. Dann wird aus Geschichte auch Verlust. Es ist ein merkwürdiger und für mich noch immer schwer greifbarer Gedanke, dass du nun selbst zur Geschichte der asp und nicht mehr zu ihrer Gegenwart gehörst. Ich hoffe inständig, dass wir auch für dich etwas finden werden, das dir, deiner Person, deinem Wirken und gerade auch deinem Blick auf die Vergangenheit gerecht wird.
Deine Franzi
Ich danke der asp von Herzen, dass ich diese Zeilen über und für Bernd schreiben durfte. Denn auch dabei hat sich etwas gezeigt, das ich vielleicht gerade von ihm gelernt habe: Dass die Reflexion über das Vergangene die Gegenwart und die Zukunft verändert – und wenn es zunächst nur auf ganz individueller Ebene ist.

